Sonntag, 11 Mai 2014 10:53

(35) Wie weit noch? Ein Kilometer.

Artikel bewerten
(9 Stimmen)
Ultreia! Immer weiter, nur noch 1 Kilometer! Ultreia! Immer weiter, nur noch 1 Kilometer! © Michael Etscheid

Pedrouzo, Montag, 05.05.2014

Hallo Martin,

mir geht es schlecht.

Germa schreibt mir um 7.30h, dass sie bereits loszieht und für uns im geplanten Etappenziel in Salceda ein Doppelzimmer in einer ihr empfohlenen, neuen Herberge reserviert hat. Den Rucksack hat sie bereits vorausgeschickt.

Mir geht es schlecht, und so verschiebe ich meine Abfahrt aus Melide um drei weitere Stunden und lege mich wieder in mein Bett mit der Hoffnung, dass es am sehr späten Morgen besser um mich gestellt ist. Germa schreibe ich eine kraftlose SMS: „Ich bin schlapp.“

Martin, nicht, dass Du glaubst, dass ich gestern gelumpt und zu tief ins Glas geguckt habe. Im Gegenteil, noch nicht einmal ein Cerveza habe ich beim Abendessen angerührt, schön artig habe ich Cola getrunken. Überhaupt war ich der langweiligste Pilger auf dem Camino, wenn es darum ging, die Nacht zum Tag zu machen. Nicht ein einziges Mal habe ich alkoholbedingt das Sternenfeld vor Erreichen von Santiago erblickt, nie gelallt oder den hübschen Carmencitas in den Bars oder Discotheken hinterhergeschaut. Fokussiert würde ich mich nennen. Oder dämlich.

Mein Gegenstück auf dem Camino ist ein Australier. Sein Camino ist die Brautschau, er mag blonde „Snow bunnies“ und gilt als der absolute Schreck aller hübschen Däninnen, Schwedinnen und Norwegerinnen. Das Camino-Radio funkt auf allen Wellen, niemals mit dem Australier in einer Herberge zu übernachten, und alle Pilger mit UKW-Empfang halten sich daran. So kann man auch ein Einzelzimmer haben.

Adam, so heißt das wandernde Testosteron mit guten Leberwerten, hat mir selbst erzählt, dass er irgendwo auf dem Camino die Lampen voll um 4h nachts auf einer 3 Meter hohen Mauer eine Stunde lange überlegt hat, wie er wieder herunter- und in seine Herberge hineinkommt. Ich habe mich gefragt, wie er es im Vollsuff überhaupt auf die Mauer geschafft hat. Auf der Mauer war er übrigens, weil die Herbergen um 22h ja dicht machen, und wenn es nicht mit dem direkten Weg zum Bett klappt, hat man eben Hindernisse zu überwinden. Blutüberströmt hat er jeden einzelnen seiner unschuldigen Mitschläfer mit einem lauten Schlachtruf aus Down Under unsanft aus dem Schlaf gerissen und zu Tode erschreckt. Wäre ich auch, wenn mir jemand ins Ohr brüllt und ich schlaftrunken hochfahre und in ein keine fünf Zentimeter entferntes Gesicht schauen würde – oder dass, was nach dem Sturz davon übrig geblieben ist.

Martin, habe ich schon geschrieben, dass es mir wirklich schlecht geht? Gemeinhin neige ich nicht zur Jammerei, nur scheint es mir am heutigen Morgen, dass die beste Pulpería in Melide (so Germa) nicht gerade den frischesten Pulpo zubereitet hat (sage ich). Mir ist kotzübel, und das gestrige Hauptmenü rutscht mir flüssig wie Kakao in die Kloschüssel. Die Spülung ist im Dauerbetrieb, wenn Du verstehst, was ich meine.

27PedText1

Um 10.30h stehe ich dann schwankend auf der Matte und beginne meine heutige Etappe. Im Prinzip gilt das gleiche wie auf der Etappe von Sarria nach Hospital da Cruz – mit kleinen, aber feinen Unterschieden. Die Sonne knallt, und der Camino ist bumsvoll. Eigentlich noch mehr Pilger als vorgestern, denn in Melide vereinigt sich der Camino Frances, mein Camino, mit dem Camino del Norte, der Route, die entlang der spanischen Atlantikküste nach Santiago führt. Und das spanische Bildungssystem nutzt die Strecke ab Melide, um den lernwilligen Knirpsen die galicische Flora und Fauna näherzubringen. Sarria-Pilger und Schulklassen. Ein Traum, wenn man Durchfall hat.

Weiterer Unterschied. Der Weg führt über die Alpen, so scheint es mir jedenfalls am heutigen Tage. Mein Reiseführer beschreibt aber eine leichte Etappe mit fast ebener Strecke. Wo ist der Autor bitte entlang gelaufen? Tausend kleine Hügel sind zu überwinden, immer geht es steil bergauf, um gleich danach wieder steil bergab in ein kleines Tal zu führen, wo es ein kleines Bächlein zu überwinden gilt. Hat man das Fließgewässer überschritten, jagt der Camino den geschwächten Pilger wieder auf alpine Höhen. Mich macht die heutige Kurssetzung schnell mürbe, so dass mich bald sogar die Florida-Wallfahrer überholen und mir ein „Buen Camino“ zurufen.

Nach knapp sechs Kilometern mache ich Boente in einer deutschen Bar erstmals Rast, in Ribadiso nach gelaufenen zwölf Kilometern informiere ich Germa bei einem Glas Cola über meinen aktuellen Gesundheitsstand:

SMS 1 um 12:51: O Germa, Heute ist das erste Mal, dass ich glaube, eine Etappe nicht zu schaffen.

SMS 2 um 12:52: Meine Beine zittern, ich habe Schweißausbrüche und Durchfall. Bin in Ribadiso, und das ständige Auf und Ab schafft mich.

SMS 3 um 12:53: Ich beisse die Zähne zusammen.

Martin und liebe Leser, nein, ich jammere nicht, niemals, würde ich nie tun, ich bringe lediglich zum Ausdruck, wie es um mein körperliches Wohlbefinden in einer echten Notsituation gestellt ist. Indianer kennen keinen Schmerz. Aber elektronische Rauchzeichen zu geben, scheint mir in meiner angeschlagenen Lage angemessen. Germa antwortet übrigens nicht.

Ich schleppe mich die nächste Anhöhe hoch und pfeife aus allen Rohren, so wie Siggi, die schwäbische Hummel, in Sarria nach der Todestreppe. Nach weiteren vier Kilometern bin ich fast froh, in Arzúa anzukommen, einem Ort von knapp 7.000 Einwohnern, und wunderbarerweise auf eine Ebene gelegen, wo es nur flach ansteigt. Bis zum Etappenziel in Salceda sind es jetzt noch elf weitere Kilometer. Alleine die Vorstellung auf 2,5 Stunden weiteren Fußmarsch lässt mich erneut erschauern. Ich muß aufs Klo.

Ich laufe und laufe, und irgendwann schlurfe ich nur noch – und erblicke irgendwann Germa an einem Bistrotisch vor einer Herberge sitzend. Sie schnellt hoch und begrüßt mich tröstend. Ich glaube mich am Ziel zu wissen und lasse mich kraftlos auf einen Stuhl sinken. Germa holt mir einen Kaffee – Tee kann ich nach meiner Zunehmkur auf Langeoog im Haus Sonnenschein nicht mehr trinken, auch nicht, wenn der Puls sich nahe an einer geraden Linie bewegt. Während ich einen ersten Schluck trinke, erfahre ich, dass wir noch gar nicht in Salceda sind und Germa bereits zwei Stunden auf mich wartet. Meine Rauchzeichen wurden gelesen.

Germa: „Es sind nur noch fünf Kilometer.“ Wäre ja auch zu schön gewesen. Ich lasse meinen Kopf hängen.

27PedText2Mit am Tisch sitzt Cynthia. Und während wir uns unterhalten und ich mehr über sie erfahre, richte ich mein Kreuz auf, recke mein Kinn und petze meine Gesäßbacken zusammen. Denn Cynthia ist 84 Jahre alt, läuft im siebten Jahr hintereinander den Camino von Sarria nach Santiago und absolviert täglich Etappen deutlich über der 20-Kilometer-Marke.

Im folgenden Gespräch mit ihr wird mir mehr als deutlich vor Augen geführt, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts unmöglich ist, wenn man nur will. Denn Cynthias Leistung ist nicht nur aufgrund ihres Alters überaus bemerkenswert. Fast als unmenschlich ist ihr Camino zu bewerten, wenn man Cynthias Leiden kennt. Denn sie ist nur knapp 1,50 Meter groß und leidet schwer an Kyphose. Ihr Rücken ist seit vielen Jahrzehnten so stark gekrümmt, dass ihre Nase mittlerweile fast am Boden aufschlägt. Wenig sensible Mitpilger lassen sich mit Cynthia auf dem Camino ablichten, als wäre sie eine Zirkusattraktion. Einige meiner Wandergenossen unterstützen die Dame aber auch mit Rat und Tat, stecken ihr Schmerzmittel oder Vitaminpräparate zu oder laufen mit ihr gemeinsam zumindest ein Teilstück.

Germa hat sie in den vergangenen beiden Tagen begleitet und weiß, dass Cynthia gestern auf dem Weg nach Melide bei einer Bachüberquerung ins Wasser gefallen ist und heute auf allen vieren kriechend eine ähnliche Begegnung mit dem Wasser vermieden hat. Bergauf geht es nur im Tippelschritt, alle fünf Meter muss Cynthia stehenbleiben, weil ihre gequetschten Lungen keine Luft bekommen. Knutschen könnte ich Cynthia aber für ihren Humor, den sie trotz Krankheit und Anstrengung auf dem Camino nicht verloren hat. Die Irin, die seit 60 Jahren in Madrid lebt, erst als Englischlehrerin gearbeitet hat, nun aber wunderschöne, sündhaft teure Bronzeskulpturen schmiedet und sich einen klangvollen Namen in der Kunstwelt geschaffen hat, raucht nicht nur langstielige Damenzigaretten, sondern hält mich aufgrund von Erzählungen von Germa für einen erfolgreichen, deutschen Buchautoren. Herrlich. Das Auf und Ab der heutigen Etappe quittiert die alte Dame wenig damenhaft ungefähr so: „Damn, another bloody hill!“

Cynthia will noch pausieren, aber meine Beatrix und ich laufen weiter. Schnell erreichen wir Salceda, wie weggeblasen sind meine kleinen Wehwehchen nach der Begegnung mit Cynthia. Und die Begleitung von Germa tut ihr übriges. Gemeinsam geht es eben schneller. Mittlerweile ist es bedeckt und kühl, und weil Germa heute Power für drei hat oder erkennt, dass ich wieder fit bin, lässt sie sich zum Vorschlag hinreißen, nicht in der gebuchten Herberge zu übernachten, sondern mit ihrem Rucksack weitere Laufkilometer dranzuhängen.

Meine lustigsten Kilometer auf dem Camino beginnen. Während wir durch die allgegenwärtigen Eukalyptuswälder marschieren, wird „McDonald’s, McDonald’s, Kentucky Fried Chicken and a Pizza Hut“ gesungen. Wir können den potentiellen nächsten Ort, Santa Irene nicht finden oder als solches identifizieren. Stets werden wir auf einen weiteren Kilometer verwiesen, den es noch zu erlaufen gibt. Ein Mitpilger gibt uns dann in der Mitte von Nirgendwo zu verstehen, dass dies Santa Irene sei und das nächste Hostal – wen wundert’s – einen weiteren Kilometer entfernt sei.

Irgendwann stoßen wir auf ein malaysisches Ehepaar, das sofort die Videokamera zückt und uns gebietet, einzuhalten. Während wir gefilmt werden, löchert uns die Asiatin stakkatohaft mit neugierigen Fragen: Von wo aus wir gelaufen sind (Zoom auf meine kotbespritzten Wanderschuhe), wie viele Kilometer wir bereits hinter uns hätten (Zoom auf Germas immer noch unbefleckte Sneakers, ungläubige Laute der Interviewerin), ob wir nochmals den Camino laufen würden (Schwenk von Germas nickendem Gesicht auf meinen schüttelnden Kopf) und wo wir beide heute noch so spät hinwollten (Close-up von Germa und mir Arm in Arm).

Die Dame vom malaysischen Privatfernsehen, die noch nie einen Pilger gesehen hat, ehrlich, verrät uns, dass in nur (natürlich) einem Kilometer eine wunderbare Unterkunft zu finden sei, wo man auch lecker essen könnte. Germa und ich machen uns auf den Weg und lachen über das unverhoffte Interview auf offener Pilgerstraße. Wir laufen den besagten Kilometer und stoßen tatsächlich auf das versprochene Kleinod. Leider ist es (natürlich) ausgebucht, und noch bevor der Barmann seinen Satz sagen kann, ruft Germa: „In einem Kilometer finden wir was!“

27PedText3

Wir bleiben auf ein Kaltgetränk, weil die holländische Schnecke auf der Terrasse die „Dachdecker mit schwarzen Cordhosen“ (so Germa) wiedertrifft, die sie Tage zuvor schon getroffen hat. In Wahrheit handelt es sich um die gesamten Innungsmeister der gesamtdeutschen Dachdeckerzunft und ihren Ehefrauen, die wie in einem Teamevent zwei Wochen lang entlang des Caminos pilgern. Der Vizepräsident begrüßt Germa mit den folgenden Worten:

Er (lachend): „Du wolltest nicht mehr mit mir laufen. Hast Dir wohl was besseres, was jüngeres gesucht!“

Germa (verschmitzt, die Schulter zuckend): „Wer die Wahl hat…“

Die Innungsmeister mit ihren Ehefrauen hauen sich vor Lachen auf die Oberschenkel, und während ich in der Bar die Getränke besorge, macht die holländische Schnecke für das Finkennest Werbung. Ein wunderbares Bild der deutschen Dachdeckerzunft mit Ehefrauen entsteht – natürlich mit dem blauen Band. Einer der Innungsmeister, der fließend Spanisch spricht, besorgt uns dann im nächstgelegenen Hotel in Pedrouzo ein freies Doppelzimmer.

Entfernung? Ein Kilometer.

Bis denne,

Dein Michael

Gelesen 2529 mal

Schreibe einen Kommentar

Wie können Sie helfen?

Mit einer Geldspende tragen Sie aktiv dazu bei, dass das Kinderheim Finkennest auch zukünftig die therapeutische Arbeit mit den behinderten Kindern und Jugendlichen fortsetzen kann.

Bitte überweisen Sie auf folgendes Spendenkonto:

Inhaber: Aktion behindertes Kind Odenwaldkreis e.V.
IBAN: DE62 5086 3513 0005 0445 45
BIC: GENODE51MIC
Bank: Volksbank Odenwald eG

 

Verwendungszweck:

Bitte Name, Vorname und Adresse (für Spendenquittung) angeben. Auch können Sie den Unterstützungswunsch (Reittherapie oder Musiktherapie) angeben.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Online spenden

Top 10 Spender

Name Betrag (€)
Deutsche Bank 1.000
Carola + Thomas Marx 500
Martin Friedrich 500
Markus, Nicole, Colleen + Christopher Kratz 100
Freddi Klassen 100
Michael Etscheid 50
Kevin Bliss 50
Bernhard Nürnberger 50
Michael Theel 50
Gerald Gonsior 50